Willkommen in Beutow

Tonfigur aus Beutow

Eine rätselhafte Tonfigur im Magazin des Nieder-sächsischen Landesmuseums Hannover. Spielzeug oder Kultobjekt?

Während meines Volontariats im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover entdeckte ich zufällig im Verlauf der Fotodokumentation die Abbildung einer außergewöhnlichen Tonfigur (Abb. 1). Wie sich herausstellte, stammt sie aus der Sammlung des Bauern Wiegrefe in Lübeln, Ldkr. Lüchow-Dannenberg, und wurde im Januar 1925 unter der Katalog-Nr. 25029 als "Tonklapper in Menschengestalt" mit dem Fundort Beutow, Kreis Lüchow, Reg. Bez. Lüneburg, im Eingangsbuch des Museums mit weiteren Fundstücken aus der Sammlung (Kat.-Nr. 25001 bis 25448) verzeichnet.

Bereits am 16. Januar im Jahre 1892 berichtet Eduard KRAUSE bei der Sitzung der Zweiten Verhandlung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte über dieses Objekt und bezeichnet es als "Kinderklapper in Gestalt einer menschlichen Figur" (1892, 95 f.) und zeigt eine Fotografie. Er interpretiert die Figur aufgrund des aufrechten Ganges, der beiden Brüste, der geraden Stellung der Beine und wegen der Parallel-Linien-Systeme, die er für Muster eines Stoffes hält, als eine menschliche Gestalt. Über die Funktion sagt er folgendes (S. 96): "Die Figur ist hohl und innen zum Rasseln mit einigen Steinchen und Thonkügelchen versehen, so dass ihr Gebrauch als Kinderklapper und Spielpuppe wohl nicht zweifelhaft ist".

Die Figur (Abb. 2; Abb. 3) ist insgesamt 12,9 cm groß und an den angedeuteten Stummelarmen 6,6 cm breit. Der hellbraune bis rötliche Ton ist hart gebrannt und grob gemasert. Die Beine sind plump ausgearbeitet und etwa 1,5 cm lang, das rechte Bein ist beschädigt, am linken ist eine Spitze als Fuß angedeutet. Im Bereich des Schrittes ist der Ton an der Oberfläche beschädigt. Die Augen, Nase und Mund sind einfache Einstiche, das Gesicht ist kaum modelliert und die Ohren sind an den Seiten des Kopfes angedeutet, wobei das rechte Ohr fast ganz fehlt, da hier ein Stückchen Ton herausgebrochen ist. Im Nackenbereich der Figur befinden sich in einem Abstand von ca. 1,3 cm umlaufend zwei eingeritzte Linien, von der unteren Linie aus sind senkrecht in unregelmäßigen Abständen weitere Linien rings herum eingeritzt. Von vorn ist die zweite Linie im Halsbereich nicht zu sehen. Auch auf dem Kopf, unter den Augen, an den Armen und an dem einen erhaltenen Fuß sind Einritzungen angebracht. Die Plastik ist bauchförmig hohl, innerhalb des Hohlraumes befinden sich mindestens fünf kleine Kügelchen. Die von Krause erwähnten Brüste sind nicht zu erkennen, vielleicht meinte er die Unebenheiten des Materials im Bereich des Brustkorbes. Insgesamt macht die Figur den Eindruck einer nachlässigen Arbeit, obwohl bei der Herstellung auf einige Details Wert gelegt wurde, wie etwa die Andeutung einer Haarfrisur oder von Kleidung. Hinweise auf die Fundumstände gibt es nicht, und auch im Landesamt für Denkmalpflege in Hannover sind keine Unterlagen vorhanden, so dass die Figur nur mit Hilfe von Parallelfunden zeitlich eingeordnet und interpretiert werden kann.

Vergleichbare Funde

Der im Wendland gelegene Fundort Beutow könnte einen Hinweis auf einen slawischen Kontext geben, und tatsächlich ist eine vergleichbare Tonfigur des 10. Jahrhunderts in dem slawischen Oldenburg in Holstein gefunden worden (GABRIEL 1978, 365 ff.). Wenn wir uns dieses Objekt nun genauer ansehen (Abb. 4), so ist nur eine geringfügige Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt festzustellen, obwohl die Größe und grobe Anfertigung der Figur durchaus an die aus Beutow erinnert. Im Gegensatz zu der Beutower Figur ist das Gesicht nicht mit Einstichen dargestellt, sondern modelliert, wodurch ein eher "bärenhafter" Eindruck entsteht. Zudem ist diese Plastik nicht als Rassel hergestellt.

Im Zusammenhang mit der Oldenburger Figur ist erwähnenswert, daß sie in einem abgebrannten Haus gefunden wurde, an dessen Westseite sich die Skelette von zwei dicht beieinander liegenden Neugeborenen (etwa Geburtsalter und ein bis drei Monate alt) sowie eines Fötus (6.-9. Monat) befanden. Etwas versetzt fand sich das Skelett eines etwa sechs Monate alten Kleinkindes. Dieser Befund könnte so gedeutet werden, daß eine Frau mindestens viermal ein Kind verloren hatte. Gabriel nimmt daher an, daß die in dem Haus gefundene Tonfigur für einen Analogiezauber gedacht war und dazu diente, gesunden Nachwuchs herbeizuwünschen. Für diese Art von Zauber benutzte man Puppen in Gestalt von Wickelkindern (BÄCHTOLD-STÄUBLI 1987, 390; 394; 396). Demzufolge meint Gabriel, daß die Tonfigur als liegende Figur konzipiert sei. Eine Deutung als simples Kinderspielzeug ist meines Erachtens aber nicht auszuschließen, denn es wäre ja auch immerhin möglich, daß es lebende Kinder in dem Haus gegeben hat, die mit dem Figürchen hätten spielen können. Dafür spricht auch die nachlässige und grobe Ausarbeitung der Plastik.

Ebenfalls auf einfachste Art hergestellt und als Parallelen heranzuziehen sind acht anthro-pomorphe Tonfiguren (Abb. 5) aus einer hallstattzeilichen Siedlungsgrube von Wiesbaden-Erbenheim in der Flur "Kühunter" (HERRMANN, JOCKENHÖVEL 1990, 499 Abb. 378). Sie stammen aus einer fast senkrecht eingetieften Grube und wurden zusammen mit reichlich Keramik geborgen. Die Figuren sind 8-10 cm lang, walzenförmig und mit Stummelärmchen und kurzen Beinen versehen sowie als männlich oder weiblich gekennzeichnet, sie haben aber kein Gesicht. Von der Form her sind diese Plastiken mit der Beutower und Oldenburger zu vergleichen, ähnlich sind die Größe, die Stummelgliedmaßen und die nachlässige Ausführung der Figuren.

Eine den Hallstatt-zeitlichen ganz ähnliche und zudem zeitgleiche Figur (Abb. 6) wurde bereits in den fünfziger Jahren in Liebon-Zscharnitz, Kreis Bautzen, in einem Urnengrab der Billendorfer Kultur entdeckt. Sie stand östlich neben der Urne, die mit einer Deckschale versehen war. Zwei westlich der Urne niedergelegte Beigabengefäße, ein Krug und eine Tasse, vervollständigten das Grabensemble (OBERHOFER 1957, 35 ff.). Der kleinsplittrige Leichenbrand wurde seinerzeit leider nicht untersucht, so daß nur vermutet werden kann, daß es sich um die Bestattung eines Kindes handelte.

Ein weiterer Vergleichsfund aus der Billendorfer Kultur stammt aus dem Grab A/118 vom Schafberg Niederkaina, Kr. Bautzen (COBLENZ 1968, 71 ff; Abb. 6; Taf. 10-11a). Bei diesem Fundstück handelt es sich aber - wie bei der Beutower Tonfigur - um eine Klapperpuppe (Abb. 7).

Von ganz anderer Machart ist eine anthropomorphe Kleinplastik (Abb. 8) der jüngeren Bronzezeit aus Schwedt, Bez. Frankfurt/O. Sie ist aus braunem Sandstein gearbeitet, ohne Gliedmaße, aber mit einem Gesicht versehen. Wie mikroskopische Untersuchungen ergaben, war die Figur ursprünglich teilweise bemalt.

Diskussion der zeitlichen Einordnung

Von dem Fundort Beutow ist eine kaiserzeitliche Sielung bekannt (HARCK 1972, 69; KOFAHL 1942, 147), aber es gibt meines Wissens keine mit der zu besprechenden Tonfigur vergleichbaren kaiserzeitlichen Objekte, so daß eine zeitliche Zuordnung in die Römische Kaiserzeit nicht in Frage kommt.

Die Beutower Figur ist aufgrund der Machart und Größe sowie einiger morphologischer Merkmale der Oldenburger sehr ähnlich. Tonklappern gehören jedoch zu den großen Seltenheiten slawischer Keramik westlich der Oder und anthropomorphe Tonklappern sind meines Wissens gar nicht bekannt. Lediglich zwei Typen von Rasseln lassen sich nach SCHMIDT(1983, 127 Abb. 3.D; 1989, 48) unterscheiden: Toneier (kleine, schlichte eiförmige Objekte) und sogenannte Warzenklappern (kleine, handliche Objekte mit warzenförmigen Ausformungen). Deshalb halte ich es für unwahrscheinlich, daß die Beutower Tonfigur slawischen Ursprungs ist.

Auch unter den zahlreichen mittelalterlichen Tonfiguren sind keine vergleichbaren Klapperpuppen zu finden (vgl. GABRIEL 1978, Abb. 5; HOFFMANN 1996, 136 ff. OEXLE 1992, 392ff.; BUSCH, LÖBERT, STEPHAN o. J., 106ff.).

Eine neolithische Datierung wäre meines Erachtens zu gewagt, da Vergleichsfunde fehlen, obwohl die Verzierung an die bekannten linien- und stichbandkeramischen Plastiken erinnert, aber die Machart der Keramik spricht dagegen. Außerdem sind die neolithischen Idole nicht als Klappern hergestellt und die morphologische Ähnlichkeit ist gering (vgl. STEINMETZ 1998, Abb. 1-2).

Am ähnlichsten sind die Klapperpuppen der Billendorfer Kultur, obwohl sich die Beutower Figur durch die Verzierungselemente von diesen abhebt. Strichverzierungen sind auf Gefäßen der Billendorfer Kultur durchaus üblich, sogar einige figürliche Darstellungen sind auf den Hälsen von Terrinen und breiten dreigliedrigen Tassen zu finden (PESCHEL 1990, 73 f. Taf. 65,2; 67; 37). So kann die Beutower Tonfigur mit einiger Wahrscheinlichkeit in den kulturellen Zusammenhang der Billendorfer Kultur gestellt werden.

Spielzeug oder Kultobjekt?

Ist schon die Datierung aufgrund der Fundumstände und fehlender identischer Vergleichsfunde mit Unsicherheiten behaftet, so bereitet die Deutung der Funktion doch das größte Problem, denn allgemein ist die Unterscheidung von Votiv oder Spielzeug schwierig. Üblicherweise werden mittelalterliche Rasseln und Klappern in Tier- oder auch Menschengestalt als Kinderspielzeug bezeichnet, hingegen werden urgeschichtliche figürliche Rasseln zumeist als kultisch gedeutet (vgl. HOFFMANN 1966, 134; 136; COBLENZ 1956, 282 ff.). Begründet liegt diese These sicherlich in den Anfängen künstlerisch dargestellter Plastiken - eine Venus von Willendorf kann aufgrund ihrer ausgeprägten fruchtbarkeitstrotzenden Attribute nur als Kultobjekt 4 gedeutet werden, ebenso wie die neolithischen Frauen- und wenigen Männeridole aus der Gruppe der südmährischen bemahlten Keramik (vgl. SCHÁNIL 1928, 53 f. Taf. 7) sowie die "verwandten" linienband- und stichbandkeramischen Idole (vgl. HÖCKMANN 1965, 1 ff. Taf. 1-8; BEHRENS 1973, 222 Taf. 88.)

Oft kann die Fundsituation zur Aufklärung beitragen, aber auch hier gibt es manchmal mehrere Interpretationsmöglichkeiten. So bringt COBLENZ (1986, 81 f.) die Klapperpupppe aus dem Frauengrab A/118 von Niederkaina (siehe oben) unter anderem deshalb in den Zusammenhang mit einer Bestattungszeremonie, weil keine Kinderbestattung vorliegt und die Figur 15 cm oberhalb der Beigabengefäße in der Grubenverfüllung gefunden wurde - er stellt daher die Tonklapper in den Kontext der Abwehrmagie (vgl. hierzu auch KROITZSCH, SCHLEGEL 1974, 89). Aber angenommen, die Klapperpuppe war ein Spielzeug eines Kindes der verstorbenen Frau, so könnte die Puppe als ein letzter Gruß des Kindes an seine Mutter in die Grubenverfüllung gelangt sein und hätte in dem Moment zusätzlich eine kultische Bedeutung erlangt. Auch diese Handlung und Beweggründe sind denkbar.

Die dargelegte Interpretation weist auf die weltweite und über die Zeiten hinwegreichende multifunktionale Bedeutung des "Abbildes eines Menschen" - was eine Puppe ja darstellt - und verdeutlicht, daß eine Trennung der Funktion einer "Puppe" oftmals gar nicht möglich ist (vgl. hierzu auch FRASER 1966, 31 ff.)

Es ist also zunächst zu klären, ob denn die Kinder in der Urgeschichte überhaupt "Spielzeug" kannten und wenn ja, wie dieses beschaffen war. Aus der altägyptischen Kultur sind zahlreiche "Spieltiere" überliefert, aber auch mit Bällen, Kreisel, Ziehtieren, Spielschiffchen und Puppen beschäftigten sich die Kinder im Altertum (ausführlich hierzu FRASER 1966, 26 ff.). Zu den weltweit verbreiteten und ältesten Spielzeugen gehören Ball und Kreisel, die bisher wahrscheinlich deshalb nicht im urgeschichtlichen archäologischen Befund nachgewiesen sind, weil sie aus organischem Material hergestellt wurden.

Ein wesentliches Element des Spielens oder Spielzeuges ist die Nachahmung. "Spielend lernen" (vgl. SIEMONEIT 1997, 77 f.) drückt aus, worum es geht: Die Fertigkeiten der Erwachsenen sollen spielend erlernt werden. Das dieses auch im Neolithikum funktionierte, beweisen eindrucksvoll die Miniaturobjekte (Abb. 9) aus den Schweizer Seeufersiedlungen (WINIGER 1981, 209 ff; vgl. Abb. 2-4, 7-8), so daß eine von vornherein ausschließlich kultische Deutung von urgeschichtlichen figürlichen Plastiken nicht haltbar ist.

Da aber die Beutower Figur den Funden aus Gräbern der Billendorfer Kultur am ähnlichsten ist, liegt es nahe, für diese ebenfalls einen ähnlichen Kontext zu vermuten, obwohl der Fundzusammenhang ungeklärt ist.

Welche Bedeutung diese Figuren im Rahmen der Bestattungszeremonie innehatten, ist ungeklärt. Eine ethnologische Studie zum prähistorischen Zeremonialismus des nordamerikanischen Südwestens von SCHWABE (1989, 222 f.) weist aus, daß die in den Brandbestattungen gefundenen Tonfiguren der Hohokam-Indianer unterschiedlich, d. h. abhängig von der Zusammensetzung des gesamten Grabensembles gedeutet werden könnten. Eine Deutung ist beispielsweise die rituelle Tötung der mitgegebenen Figur, die sich aus dem Zerbrechen ableitet. Die rituelle Tötung kann gleichermaßen für die Solidarität der Gruppe mit dem Verstorbenen stehen, wie die Verbrennung des Toten für die Trennung, für eine Befreiung der Seele vom Körper wie auch für die Verhinderung der Rückkehr des Toten.

Zusammenfassung

Die Vergleiche und die Diskussion ergeben, daß die Tonfigur von Beutow am ehesten in den Kontext der Billendorfer Grabfiguren zu stellen ist. Dies ist jedoch nicht mit absoluter Sicherheit zu bestimmen, weil wir es bei dem zu behandelnden Objekt allen Anschein nach mit einem Unikat zu tun haben. Die von vornherein kultische Deutung von urgeschtlichen figürlichen Plastiken ist zu hinterfragen und sollte daher sorgfältig geprüft werden.

Literatur

"Tonfigur aus Beutow"
   Autorin: Dr. Beate Siemoneit

Abbildungsnachweise

 Abb. 1 Landesmuseum Hannover
 Abb. 2 und 3 Zeichnung B. Siemoneit,
      A. Pascheretzki, Landesmuseum Hannover
 Abb. 4 nach GABRIEL, 1978, Abb. 4
 Abb. 5 nach HERRMANN, HOCKENHÖVEL
      1990, Abb. 378
 Abb. 6 nach OBERHOFER 1957, Abb. 5
 Abb. 7 nach COBLENZ 1968, Abb. 6, 1-2
 Abb. 8 nach GEISLER 1990, Taf. 9,1
 Abb. 9 nach WINIGER 1981, Abb. 1
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